Lachen, Weinen - und Husten
Bericht über die 13. und 14. Seminarwoche in Yastrebino, 18.-29. Juli 2010
Wir haben viel gelacht, auch geweint und viel gehustet, beschrieb eine Teilnehmerin die Stimmung in der Abschlussrunde zu den zwei Seminarwochen im Sommer . Das Husten bezog sich auf zwei erkälteten Referenten. Das Weinen und Lachen betraf mehr die Wiedersehensfreude und den Abschiedsschmerz innerhalb der Gruppe, die über diese drei gemeinsamen Jahre zu einer sozialen Gemeinschaft zusammen gewachsen war..
Den beiden Seminarwochen war eine Workshopwoche mit Musikinstrumentenbau und Weben vorangegangen, organisiert und durchgeführt von Isabell Kuster, Käthi Jenni und Edith Moor. Die begeisterte Arbeitsstimmung und die sorgfältig vorbereitete Dekoration der Seminarräume hat viel zu einem schönen Seminarbeginn beigetragen.
In der ersten Seminarwoche war ein medizinisch- pflegerischer Schwerpunkt gelegt durch Vorträge zu Ernährungs-, Pflege- und Diagnostischen Fragen, sowie zur Biographie aus medizinischer Sicht durch Franziska Keller. Der Pflegeschwerpunkt wurde vertieft durch Susanne Zuber, die in der Praxis von Franziska mitarbeitet und ganz praktisch die Anwendung von Wickeln, die Abgabe von Medikamenten und für viele mit einer Mutprobe verbunden, auch die Injektionspraxis mit den Teilnehmern übte.
Ein spezieller Bereich war in diesem Feld noch die therapeutische Wirkung des Erzählens am Beispiel des Märchens „Die Elfenkönigsweise“ von Erika Dühnfort.
Als weiterer praktische anwendbarer Inhalt gab Günter Luft Einblick in die Fragen der Zeugnissprüche und stellte sie - neben ihrer menschenkundlichen Bedeutung –vor allem als Lernfeld für die Lehrer dar.
Damit war der medizinisch-pädagogische Teil im Seminar abgeschlossen.Die Woche wurde intensiv auch für offengebliebenen Fragen genutzt und Franziska Keller war während der ganzen Woche durch zusätzliche individuelle Beratungen durchgehend beschäftigt, eine Herausforderung auch an unsere Übersetzerinnen Katya Belopitova und Iordanka Dimova, die von morgens bis nachts die Sprachbrücken bauen mussten. Kamen doch auch einige Menschen ausserhalb des Seminares in Franziskas Beratung, so auch Eltern mit behinderten Kindern.
Die zweite Woche hatte ihren inhaltlichen Schwerpunkt in der Sozialtherapie. Auf dem Hintergrund des Gedichts „Ich bin“ von Albert Steffen in dem es heißt:
„Ich bin
Schöpfer an der Gemeinschaft freier Wesen..“
Stellte er die grundsätzliche Achtung vor der Individualität gerade auch von Menschen mit Behinderung und ihrer Einbindung in Lebensgemeinschaften als tragendes Element einer sozialtherapeutischen Lebensgemeinschaft dar. Das Zusammenleben und die gemeinsame, wirtschaftlich sinnvolle Arbeit der Menschen mit ihren sehr unterschiedlichen Fähigkeiten ist das Charakteristikum dieser Lebensgemeinschaft, als einer Form der von der UN-Charta geforderten Inklusion. Dieses Thema, dass für die Sozialpolitik eine zunehmende Rolle in Europa spielt, wurde weiter durch Hartwig Ehlers (aus der soz.therap.Gemeinschaft Weide-Hardebek/DE) vertieft. Auch wenn die Menschen weder als Kranke, noch als Patienten betrachtet werden, müssen die Sozialtherapeuten den individuellen Hilfebedarf feststellen, ein weiteres Thema, das zur Arbeit der Sozialtherapeuten gehört. Die Verbindung zur Praxis der Teilnehmer, konnte den vorhandenen Handlungsbedarf in Bulgarien konkret verdeutlichen.
Ein Überblick über die wesentlichen Aspekte einer Qualitätsentwicklung für die Sozialtherapie durch Gerhard Herz schloss den inhaltlich- wissensmäßigen Teil ab.
Das durchgehende Entwicklungselement der beiden Wochen waren die drei künstlerischen Arbeitsgruppen für Musik (Isabell Kuster), Weben/Spinnen/Korbflechten (Käthi Jenni, Edith Moor) und Plastizieren (Günter Luft). Hier konnte man feststellen, dass die drejährige Praxis der Teilnehmer in künstlerischen Prozessen durchaus ihre Früchte getragen hat, denn alle konnten an ihre vorangehenden Erfahrungen anknüpfen und sowohl ihre Arbeitsweise als auch die Ergebnisse zu einer neuen Qualitätsstufe bringen, auch wenn nie das Ergebnis, sondern immer der Prozess in den Vordergrund der Arbeit gestellt wurde..
Damit verbunden und ebenfalls durchgehend durch die beiden Wochen war die Vorbereitung einer Aufführung des Märchens „die Elfenkönigsweise“, angeleitet durch Isabell Kuster. Weil während der zweiten Woche eine ganze Reihe von Teilnehmern abreisen mussten, war beinahe die ganze Seminargruppe an der Aufführung als Musikanten, Tänzer und Sänger, teils auch als Schauspieler beteiligt. Die Zuschauer war ca 25 Kinder und Betreuer aus einem Heim in Elena, das wir schon mehrfach besucht hatten. Strahlende und begeisterte Kinder und Jugendliche und freudig entspannte Begleiterinnen fanden sich anschließend zu einem gemeinsamen Buffet und einigen gemeinsamen Kreistänzen im Freien ein.
Begleitend durch die beiden Wochen fanden auch Gespräche zu den Diplomarbeiten statt, die bis zum letzten Seminar fertiggestellt und abgegeben werden müssen, damit der Seminarerfolg auch bestätigt werden kann. Auf dieser formellen und rechtlichen Ebene haben wir eine Lösung erreicht, die den Teilnehmern sowohl ein von der Konferenz für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie in Dornach anerkanntes Zertifikat ermöglicht, als auch ein Zertifikat der Neuen Bulgarischen Universität NBU, die wir als Kooperationspartner für eine offizielle bulgarische Anerkennung gewinnen konnten und in deren Rahmen auch eine Weiterführung des Kurses ab Februar 2012 in Aussicht steht. Es handelt sich um eine nicht- staatliche Universität, die sehr daran interessiert ist, neue und in Bulgarien noch nicht verbreitete pädagogische und soziale Ansätze bekannt zu machen und deren Anliegen es ist, die Idee autonomer, nicht staatlicher Einrichtungen und der Selbstverwaltung als Perspektive für Bulgarien zu befördern. Außerdem gibt es auch das Interesse einer privaten Schule, unsere Ausbildung auf einem nicht-akademischen Level anzubieten.
Sehr erfreulich ist es auch, dass es eine ganze Reihe von kleineren Initiativen gibt, die von unseren Teilnehmern angeregt sind und in einige Fällen schon zu konkreter Arbeit auf anthroposophischer und waldorfpädagogischer Grundlage geführt haben. Neben der Bemühung um die Gründung einer Waldorfschule in Sofia, die auch von Seminarteilnehmern angestoßen wurde, ist hier die Betreuung von jungen Menschen mit Behinderungen, künstlerische Angebote für Kinder und Erwachsene und ein Anlauf zu einem weiteren Waldorfkindergarten in einer bulgarischen Stadt , zu nennen
Jetzt steht uns noch die abschließende Seminarwoche bevor aber man kann auch heute schon sagen, dass das Weinen, das Lachen und das Husten nur eine Begleiterscheinung eines Prozesses war, der auch am 25. September 2010 nicht beendet sein wird.
Es ist jetzt ein recht stabiler Beziehungsboden aufgebaut, der zukünftig mit den schönen traditionellen bulgarischen Filzschuhen, die die Organisatoren und Referenten von den Teilnehmern als Geschenk erhalten haben, sicher betreten werden kann. Dass dies ohne die durchgehende, von Edith Moor verantwortete Organisation so nicht möglich gewesen wäre, haben die Teilnehmer und Referenten in ihrem Dank ausgedrückt und ihr den gemeinsam gewobenen Teppich geschenkt- als Erinnerung an die schönen Seminarwochen in Yastrebino 2010.
Gerhard Herz
August 2010