Perspektiven
Bericht der 11.Seminarwoche in Sofia, 30.01.-03.02.2010
Fotos
Einerseits glaubte man es beinahe nicht, dass es schon die elfte Woche des Seminars und damit der Beginn des dritten und letzten Jahres ist, zu dem wir uns in Sofia trafen.
Andererseits spürte man im Umgang miteinander, beim Begrüßen und Verabschieden und sah und hörte bei der Präsentation der künstlerischen Arbeiten, die während der Woche entstanden sind, dass sich Erfahrung angesammelt und Substanz gebildet haben. Sei es bei den wirklich beeindruckenden Hell-Dunkel Bildern, die angeleitet von Mariana Nikolova zu sehen waren, bei der Präsentation der Toneurythmie, angeleitet von Deyan Dimitrov, oder beim Hören der musikalischen Improvisations-Werke die mit Isabelle Kuster erarbeitet worden sind. Intensive Arbeitsatmosphäre und spürbare Begeisterung während der Arbeit sind die Voraussetzungen, die zu solchen Ergebnissen geführt haben.
Für den erkenntnisorientierten Teil des Seminars standen zwei Themen im Mittelpunkt: die therapeutische Gemeinschaft und die Grundlagen der Sozialtherapie. Thomas Schoch, zum ersten Mal als Dozent dabei, verstand es, die langjährige eigene Praxiserfahrung als Schulleiter an einer heilpädagogischen Schule mit den Grundelementen der Heilpädagogik, also der Hülle, der Haltung, und der Handlung so zu verbinden, dass bei den Zuhörenden eine geradezu andächtige Stimmung und eine echte Dankbarkeit entstand, in dieser Form an diese Grundgedanken herangeführt worden zu sein.
Das Thema Sozialtherapie wurde durch Hartwig Ehlers von der Hofgemeinschaft Weide-Hardebek/DE dargestellt und durch den Einbezug des Seelenkalenders und des Morgenspruches auf die anthroposophischen Lebenspraxis insgesamt erweitert. Gleichzeitig führte er es zu einer Konzentration auf das Wesentliche, indem er den Unterschied zwischen Sozialtherapie und Heilpädagogik auf den Punkt brachte. Auf eine andere Seite führte die Tatsache, dass er den Ansatz der Sozialtherapie mit der aktuellen Diskussion zum Thema Inklusion verband. Daraus erwuchs ein erweiterter Blick auf die Situation der europäischen Sozialpolitik.
Der rhythmische Teil wurde täglich durch Iordanka Krumova gestaltet, eine Teilnehmerin, die damit ihre Erfahrungen aus dem Kurs und ihrem Praktikum in Charkow und ihrer eigenen Erfahrung aus der Umsetzung in ihrer Schule praktisch – als Perspektive für die Kollegen - weiter geben konnte.
Regelmäßiger Teil der Seminarwochen sind die Berichte der TeilnehmerInnen aus ihren Praktika. Aufgrund der Tatsache, dass in Bulgarien noch keine heilpädagogische und sozialtherapeutische Einrichtung existiert, finden alle Praktika im Ausland statt. Die Begeisterung, die aus den meisten Berichten zu spüren ist, überwiegt die Kosten- und Sprachprobleme, die damit für fast alle von ihnen verbunden sind.
Initiiert durch Dorina Vassileva, die in einer Initiative von Eltern behinderter Kinder mitarbeitet, die in Kooperation mit dem Sozialministerium steht, zeigte sich eine weitere wichtige Perspektive: ein „Runder Tisch“ unter Beteiligung einer stellvertretenden Ministerin war geplant, an dem verschiedene Akteure aus der Sozialarbeit ihre Ansätze vorstellen sollten. Durch einen Amtswechsel war die politische Seite dann doch nicht vertreten und es war möglich, mit den Trägervereinsverantwortlichen und Mitarbeitenden des Waldorfkindegartens in Sofia und dem Vorsitzenden der Anthroposophischen Gesellschaft in Bulgarien, Dr. Dimiter Dimchev, in einen Austausch zu kommen, ein wichtiger Schritt und eine gute Grundlage für eine zukünftig engere Zusammenarbeit,
Auch wenn das Ziel des Seminars nicht die Gründung einer Waldorfschule ist, war die Überraschung und die Begeisterung groß, dass sich durch die Initiative von Vesselina Kurteva, einer weiteren Seminaristin, eine hoffnungsvolle Perspektive für Kinder in Sofia auftut: kurz vor Weihnachten gründete sich ein Elternverein, der gute Aussichten und politische Unterstützung hat, im Herbst 2010 eine erste Waldorfschule zu gründen.
Derselbe Politiker, Vasilev Metodiev, Bildungsminister einer Vorgängerregierung, der diese Initiative unterstützt, hat uns auch den Weg gebahnt zu Verantwortlichen der Neuen Bulgarischen Universität NBU. Hier zeigt sich derzeit eine Möglichkeit, unserem Kurs eine Akkreditierung in Bulgarien zu geben. Damit hätten die Teilnehmer auch einen bulgarisch anerkannten Abschluss, für viele von ihnen nicht ganz ohne Bedeutung für die weiter berufliche Laufbahn.
Unsere Dolmetscherinnen Katya Belopitova und Iordanka Dimova erhielten diesmal Entlastung von ihrem 12 Stunden Einsatz durch Rashko Tatchev, einem in Wien lebenden Bulgaren, der neben seinen hervorragenden Deutschkennnissen auch seinen anthroposophischen Hintergrund mit einbringen konnte.
Während des Seminars führten Edith Moor und Gerhard Herz mit allen Teilnehmenden Gespräche über die zu erstellenden Diplomarbeiten, eine Perspektive, die uns alle bis zum September intensiv bestimmen wird.
Gerhard Herz
März 2010