2009, 10. Seminarwoche

Bericht 10. Seminarwoche für Heilpädagogik und Sozialtherapie (5. – 9. Oktober 2009 in Varna/ Bulgarien)

Zwischenstopp

Fotos
So wie das große Kreuzfahrtschiff, das man vom Seminarraum aus vor dem Hafen von Varna liegen sah, hat auch das Seminar für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie nur einen Zwischenstopp eingelegt vor dem Start zu den letzten fünf Stationen der Fahrt. Die allermeisten Passagiere sind an Bord geblieben und stellen immer wieder fest, dass sie viele neue Erkenntnisse dazugewonnen haben und als Gemeinschaft zusammengewachsen sind.

Die Woche in Varna hatte zwei klare Schwerpunkte:

Der künstlerische Schwerpunkt wurde durch drei Arbeitsfelder geprägt. Eine intensive Auseinandersetzung mit Licht und Finsternis und einer lebendigen Einführung in das Dynamische Formen zeichnen, angeleitet von Frederic Stöckli. In einer fast andächtig meditativen Stimmung entstanden erstaunlich reife Bilder, die zeigen, dass die vorangegangen Epochen eine wirksame Grundlage für das bildeten, was diesmal entstehen konnte.

In der Musik knüpfte Isabell Kuster an die Arbeit an, die sie im vergangen Sommer begonnen hatte und die Aufführung, die die Teilneher am Ende der Seminarwoche präsentierten, vermittelte einen lebendigen Eindruck von der intensiven improvisatorischen Arbeit mit einfachsten z.T. selbst erfunden Instrumenten. Musik, das konnte man spüren, ist für die Menschen in Bulgarien ein Lebenselixier. Hier wurde sie aus dem Gewohnten herausgehoben und in neue sehr auf den sozialen Prozess des aufeinander Hörens bezogene Formen gegossen. Eine Bordkapelle, um in dem Kreuzfahrtbild zu bleiben, die neue Hörerlebnisse schafft.

Eine intensive produktive Arbeitsstimmung, die z.T. auch in den Mittgaspausen und am Abend nicht unterbrochen wurde, konnte man in dem Raum erleben, in dem Käthi Jenni mit den Teilnehmenden Wolle in Filz in Form von Taschen, Kissen und Pantoffeln verwandelte. Auch hier konnte an die Fähigkeitenfrüchte der vorangegangen Seminare angeknüpft und diese deutlich sichtbar weiter entwickelt werden. Echte Begeisterung in allen drei Gruppen und es ist gar nicht immer so leicht deutlich zu machen, dass der künstlerische Teil der Ausbildung mehr der Eigenentwicklung der Teilnehmenden als der beruflichen Umsetzung dient.

Der zweite Schwerpunkt des Seminars lag auf dem Thema Psychiatrische Krankheitsbilder. Dr. Hartmut Volbehr, der bis vor kurzem eine psychiatrische Praxis in Konstanz führte, baute diese Arbeit auf der klar herausgearbeiteten Unterscheidung von psychischer Störung und geistiger Behinderung auf. Besonders wichtig für die Teilnehmer war, dass er das psychiatrische Grundwissen auf dem Hintergrund der anthroposophischen Menschenkunde heraus entwickelte und was in vorangegangen Seminaren an Zugängen zu den Wesensgliedern schon erarbeitet worden war, konnte hier wichtige zusätzliche Farben und für die Praxis wichtige Kenntnisse und Erfahrungen gewinnen. Es war sichtbar, dass diese für die Teilnehmer neue Sicht der Dinge neue Perspektiven für ihre eigene Arbeit zu erschließen vermochte, auch wenn die Zeit, die so eine Woche dafür zur Verfügung stellt immer zu kurz ist.

Weil die Teilnehmer im Verlauf des letzten Ausbildungsjahres stärker auch in die Seminargestaltung selbst einbezogen werden sollen und wollen, wurden neue Formen der Beteiligung und Planungs- und Rückblickssitzungen begonnen.

Inzwischen waren bereits 29 von den 38 Teilnehmenden in verschiedenen anthroposophischen Einrichtungen in Rumänien, der Ukraine, in Österreich, in der Schweiz und in Deutschland als Praktikanten und haben dort jeweils erfahren, dass das, was sie im Seminar hören auch tatsächlich umgesetzt wird. Obwohl zwischen der Ausstattung und den finanziellen Grundlagen dieser Einrichtungen und denen in Bulgarien wirklich Welten liegen, gehen von diesen Praktika enorme Impulse aus. Den Teilnehmern wird ein Zuschuss von 200 Euro vom Seminar zur Verfügung gestellt, und es sind nicht wenige Einrichtungen, die das nach wie vor äußerst knappe Budget unseres Seminars dadurch unterstützen, dass sie selbst die Reisekosten und ein Taschengeld für die Praktikanten übernehmen.

In den abendlichen Seminarsitzungen bekommen wir regelmäßige eindrucksvolle Praktikumsberichte.

Einige Seminarteilnehmerinnen haben sich in der Zwischenzeit an einer Initiative  von bulgarischen Müttern behinderter Kinder beteiligt, die ein Treffen mit dem neuen Ministerpräsidenten hatten, aus dem sich weitere Aktivitäten ergeben sollen. Das Anliegen unserer Teilnehmer ist dabei, die Beiträge der anthroposophischen Heilpädagogik in das Bewusstsein in Bulgarien zu bringen.

Durch Violeta Kyoseva, einer hoch engagierten ehemaligen Deutschlehrerin, wurde dem Seminar die Arbeit von FAR (=Leuchtturm) – Verein für demokratische Bildung“ vorgestellt. In Bulgarien ist die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen noch in den Anfängen. Hier konnte gezeigt werden, dass durch Durchhaltekraft und die gezielte Kooperation mit ausländischen Partnern (hier mit einer deutschen Organisation und dem internationalen Bauorden) nicht nur interessante Seminare, sondern durch die Renovierung einer sog. Chitalishte, eines „Vokshauses“, auch uneigennützige, praktische freiwillige Arbeit geleistet wird, die der bulgarischen Öffentlichkeit wieder zugute kommt.

Die Arbeit zwischen den Seminaren wird durch die sieben regionalen Arbeitsgruppen weiter geführt. Hier steht die Arbeit am heilpädagogischen Kurs im Mittelpunkt, aber jede Gruppe entwickelt ihren eigene Arbeitsweise, sodass auch weitere Interessenten am anthroposophischen Ansatz, die nicht Seminarteilnehmer sind, mit dem Impuls in Berührung kommen.

So kommen immer wieder neue Passagiere (neue InteressentInnen für ein nächstes Seminar und ehemalige TN des Waldorfseminares, die die Seminarien zur eigenen Fortbildung besuchen ) auf das Seminarschiff, das zwar jetzt weiter ausstrahlt, aber seinen Kurs hält, denn jetzt im letzten Jahr müssen die Teilnehmenden regelmäßig  mit Menschen mit Behinderung arbeiten und die Diplomarbeit schreiben. Da wird viel Energie und Engagement aufgebracht werden, um den Zielhafen schließlich im September 2010 zu erreichen.

Gerhard Herz (Ausbildungsverantwortung)

Edith Moor-Vasilev ( Organisationsverantwortung, Projektleitung)

ACACIA, Basel (Trägerverein)

Website: www.oporabg.com

______________________________________________________________

Spendenkonto ACACIA, Fonds für Entwicklungszusammenarbeit:

Freie Gemeinschaftsbank, 4001 Basel

Konto ACACIA 2.488.0  Clearing 8392 und PC 40-963-0 für Überweisungen aus der Schweiz

IBAN CH13 0839 2000 0000 2488 0  BIC RAIFCJ22XXX für Überweisungen aus dem Ausland

Projektvermerk Heilpädagogik/ Bulgarien