Jastrebino, 8. – 9. Woche
Internationales Seminar in anthroposophischer Heilpädagogik und Sozialtherapie
„Erst eine Dreigliederigkeit von Licht, Klang und Leben gibt der beweglichen plastizierten Fläche die Möglichkeit ihr eigenes Wesen und den in ihr gesetzten Sinn auszusprechen. So erlebt der schöpfernde Bildhauer bei dem Behauen des Steines, beim Schnitzen des Holzes und bei der Modellierung mit Erde (Ton) den ganzen Kosmos”.
BEGRENZE DICH O GRENZENLOSES!
Die Arbeit führt in die Freiheit. Wir versuchten immer wieder und immer wieder ….
Jeder Vortrag des deutschen Anthroposophen Günter Luft („Luft” bedeutet in Bulgarischem Luft) begann mit einer weisen Einführung und Begründung des Sinnes. Er ist im Jahre 1939 geboren. Günter Luft hat das Institut für Waldorfpädagogik und die Akademie der Geisteswissenschaft Goetheanum in Dornach absolviert und geht zuversichtlich auf sein Ziel. Der Vater von vier Kindern und 9 Enkelkindern beantwortete mit Ehrfurcht die von mir gestellte Frage.
- Stimmt es, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine sehr intelligente Frau steht?
- Meine Frau ist nicht die typische Intellektuelle. Sie ist eine fühlende Frau, die geduldig alle meine Schwächen erträgt. Deshalb bin ich ihr dankbar. Ich fühle mich zufrieden und mit meinen Nachfolgern fortgesetzt. Sie alle haben einen Bezug zu der Kunst, aber ob sie sich beruflich mit Kunst beschäftigen werden, das weiß ich nicht.
Wir sind von der großen Geduld des Bildhauers und Religionspädagoge Günter Luft verblüfft. Ich hatte mich niemals vor diesem Seminar mit Bildhauerei beschäftigt (ich spiele, singe, tanze, schreibe…). Dieser Lehrer schaffe für zwei Sommer in uns ungeahnte Möglichkeiten zu provozieren. Für zwei Stunden Übung am Tag – mindestens 5 individuelle Beratungen. Ich begann mein Werk mit dem Arbeitstitel „Bab Jaga (die alte Jaga oder Oma Jaga)”. Sehr aufmerksam zeigte mir Günter Luft, wie ich meine Idee visualisieren kann. Und nach einer unerwarteten Metamorphose stellte sich raus, dass sich aus meinen Händen der „Engel” ergeben hat. Die zweite Aufgabe über die umgesetzte Dreigliederigkeit habe ich als eine „Feuerschale mit dem dritten Auge“ wiedergegeben. Wieder wurde ich – leicht und unaufdringlich - in eine andere Richtung geführt. Und ganz natürlich war das Ergebnis eine Überraschung. Ich habe nicht geschafft zu erraten, wie es diesem Menschen gelang, von uns „die Früchte abzupflücken”, von denen wir nicht geahnt hatten, dass wir sie besitzen. Und in diesem Fall – wer ist der reale Schöpfer dieser Werke? Indem ich die Werke meiner Kollegen betrachtete, habe ich sie gefragt:
„Was habt ihr wahrgenommen, während ihr unter der Leitung von Günter Luft den Ton plastiziert habt?”
Ivelin: Einen Schwung und innere Kraft. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Welt schaffe. Ich fühlte mich wie Gott. Es gefiel mir. Zum ersten Mal war ich befreit und dachte an nichts.
Wassilena: Die Inspiration….
Jordanka Wassileva: Ein großes Engagement meines Willen. Es war mir interessant, wie es für mich – als ein Mensch ohne Fertigkeiten – so gekommen ist, dass ich immerhin etwas machte.
Wessela: Es drückte meine Widerstände platt. Jede Stunde war ein Sieg über den Willen. Die Arbeit mit Ton ist für mich eine innere Tätigkeit.
Walja: Ich spüre, dass ich verändern kann.
Rossi Hadzhieva: Vergnügen.
Evgenija: Es war mir schwer, danach wurde es mir jedoch amüsant.
Konstantin: Nass und feucht.
Adelina: Sicherheit und Segen, wenn ich etwas errichte.
Manol: Die Freude, ein Schöpfer zu sein und Den Schöpfer nachzuahmen. Erstellen von der Dreidimensionalität. AUFREGUNG.
Rozalia: Die innere Freiheit das auszudrücken, was ich empfinde. Ohne Einschränkungen in der Form.
Margarita: Ich gehe in meine Kindheit zurück.
Nadja: Physische Müdigkeit. Geistige Entspannung.
Ivailo: Zufriedenheit
Jordanka Dimova: Schöpferische Gestaltungskraft.
O BEGRENZTES SICH OPFERE GRENZENLOSEM!
So würde wahrscheinlich der Dichter ausrufen.
Nach der improvisierten Ausstellung haben wir erneut Günter Luft gefragt:
„Stimmt es Ihrer Meinung nach, dass derjenige, der Tango tanzen will, auch dulden wird, ihn anzudrücken?”
- Oh, kein Problem. Das gefällt mir.
- Und was denken Sie über diesen Aphorismus: „Am dunkelsten ist die Stunde vor dem Sonnenaufgang…”
- Ich glaube daran. Das Entwicklungsgefühl zeigt uns, dass immer nach einem Ende ein neuer, stärkerer Beginn kommt und etwas Wichtigeres entsteht.
Wir danken Dir, Günter! Für das Licht und die Hoffnung….
„Was steht hinter dem Geld?” – hat uns der Buchhalter unserer Herzen Dr. Herz gefragt (das deutsche Wort „Herz” bedeutet Herz).
Zahlen, und hinter ihnen - Menschen, die etwas geschaffen haben, Zeit verbracht haben, gemeinsam gearbeitet haben, Freuden und Schwierigkeiten begegnet haben….
Das Arbeitsprogramm ist wie immer voll, jeden Abend haben wir jedoch die Möglichkeit, nach 20 Uhr die Präsentationen unserer Kollegen von ihren Praktiken in Rumänien, in der Ukraine, in der Schweiz, aus der Konferenz in Kassel (Deutschland) und der Tagung in Belgrad (Serbien) zu sehen.
Mit dem größten Vergnügen möchten wir, das die „Tänze”-Einheit in allen nachfolgenden Seminarwochen erhalten bleibt. Das wäre wohl kaum möglich, weil es Änderungen am Lehrplan notwendig machen sollte…..Aber Emilie Stepnikova steckte uns an, im Wirbel der Zeit „von der Polka und dem Walzen” bis zu den Volkstänzen zu tanzen. Wir haben gespürt, dass wir durch die Bewegung den Umfang der Kommunikation unter uns erweitern. Das Einhalten der Regel führt zu Mitwirkung und Rücksichtnahme auf die anderen. Und die Möglichkeit zu improvisieren geben dir einen neuen Selbstgefühl….
Abends unter freiem Himmel neben den Kieferbäumen fanden die Berichte der Regionalgruppen statt. Es wurden entstandene Ideen, Fragen, Gegenüberstellungen über die Rudolf Steiners Werke diskutiert. Dr. Herz führte und leitete analytisch diesen Prozess. Er warf einen Blick auch in den Lehrheften der SeminaristInnen. Wir haben uns wie Schüler gefühlt. Ich persönlich beschreibe als eine Geschichteschreiberin jede Seminarwoche, aber im Lehrheft halte ich nur das Wichtige für meine direkte berufliche Tätigkeit fest. Jeder neue Tag (nach dem rhythmischen Teil und nach dem „Morgenspruch”) führte uns Dr. Gerhard Herz auf dem Weg der 12 Tugenden aus der Sicht der Geisteswissenschaft. Mut, Diskretion, Großmut, Devotion, Gleichgewicht, Ausdauer, Selbstlosigkeit, Mitleid, Höflichkeit, Zufriedenheit, Geduld, Diskretion und ihre Antipoden….
Wirklich eine gleichmäßige, interessante philosophisch – ethische Materie, die zu eigenen Überlegungen und einer schöpferischen Deutung der Ideen prädisponiert.
Erneut hat uns Dr. Herz überzeugt, dass er der Verstand der Gruppe ist – aufklärend, erhebend, erleuchtend. Und nach jedem Seminartag hatten wir uns reicher an neuen Gedanken und inspiriertem Intellekt wahrgenommen. Und genau so wie das Herz jedes Organ mit Blut versorgt, war Dr. Herz im Stande jedem Teilnehmer die benötigte Position zu geben, das, was seine Persönlichkeit braucht, um zu kreieren und sich zu entwickeln.
Dr. Franziska Keller vertiefte unsere Kenntnisse über den Heilpädagogischen Kurs von Rudolf Steiner mit praktischen Beispielen aus der medizinischen Praxis. „Im alten Joga wird die Atmung zurückgehalten, damit es mehr Kohlendioxid gibt….so erhält man den Diamanteneffekt – vom Weisheitsstein…..”
Bis spät abends hat sie jeden Abend anthroposophische Arzneien und Ratschlägen denjenigen kostenlos ausgeteilt, die ihre Hilfe brauchten.
Waleria Medvedeva hat ihre Aufmerksamkeit auf die Lehrarbeit in der Mittelstuffe der Waldorfschule gelenkt. Unermüdlich waren auch die Dolmetscher Katya Belopitova, Rossiza und Dimiter Levschki.
Am 23. Juli 2009 haben die SeminaristInnen ihre „Ehrfurcht vor dem Kleinen“ gezeigt – die Institutionen für Personen mit besonderer Entwicklung im Bezirk Turgovischte kennenzulernen.
Es wurden das Hl.-Mina-Heim für Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen im Dorf Strazha, die geschützte Wohnung im Dorr Liljak, das Tageszentrum für Erwachsenen mit Behinderungen und die Dr.-Peter-Beron-Hilfsschule in Turgovischte besichtigt. Ein der ewigen Probleme in der Welt – wie wir die Armut und das Reichtum, die Materie und den Geist, oben und unten …… näher bringen können, hat seinen Ausdruck bei dieser Besichtigungsrunde gefunden.
Wie erreichen wir das GLEICHGEWICHT?
Die „Orenda”(die Gotteskraft) und das Wohlwollen der Götter werden offensichtlich ungleichmäßig verteilt.
Nach einer arabischen Quelle erzählt man, dass in den alten Zeiten bei den Protobulgaren ein Brauch üblich gewesen ist, nach dem, wenn jemand von den Gleichgesinnten mit seinen Eigenschaften und Fähigkeiten die übrigen übertroffen hatte, sollte er sobald wie möglich ”in den Himmel geschickt werden”, damit er die Gotteswerken unterstützen kann. Dasselbe war auch das Schicksal der beschädigten Kinder in Sparta. Sie wurden in den Abgrund geworfen, damit das behinderte Gen nicht fortgesetzt wird und der Nachkommen gesund ist. Und Blaga Dimitrova hatte genial geschrieben: „Diese, die sich mit einem Kopf über die anderen erheben, sind auszurichten.”…. „Wer nicht wie wir ist, ist gegen uns”.
Woher kommt beim Menschen dieses Streben nach Vereinheitlichung? Wir sind unterschiedlich, aber leben zusammen…..
Der letzte Seminartag wurde mit einem Wohltätigkeitskonzert begangen, das im Saal des Kulturhauses „Napreduk (Fortschritt)” – Turgovischte stattfand. Trotz des „bescheidenen Besuchs” war der Enthusiasmus der Teilnehmer unbeschreiblich. Die Gäste wurden von Edith Moor und Gerhard Herz begrüßt. Die SeminaristInnen haben das Konzertprogramm mit einem Gospel von der Buße und 5 Kanons eröffnet. Es folgte eine poetische Rezitation von Dorina Wassileva und ein eurythmisches Gedicht von Dimiter Levaschki. Einprägend war die Anwesenheit der Folk-Gruppe „Slavej (Nachtigall)” bei der ІІ. Prof.-N.-Marinov-Oberschule mit Leiterin Elena Wassileva. Die Mädchen schafften eine sehr begeisterte Stimmung. Der berühmte bulgarische Komponist Stefan Dragostinov hatte mal gesagt: „Die Folklore wird nicht verkauft, sie wird erhalten!”
Nach den guten Mustern der aufbewahrten bulgarischen musikalischen Identität haben wir die Darbietungen von Sabina Doneva („Detelini (Kleeblätter)” und „Ich werde dich wieder lieben”) und vom Duett Anzhelika Svetoslavova (Piano) und Konstantin Adamov (Geige) mit eigenen Kompositionen gehört. Das Konzertprogramm endete mit einem Bukett von englischen, tschechischen, jüdischen und armenischen Tänzen, dargeboten von den SeminaristInnen. Über den Wohltätigkeitsabend wurde auch von den örtlichen Massmedien berichtet. Dieses Konzert lötete noch mehr den Teamgeist des Seminars zusammen und lieferte den Nachweis, dass wir gemeinsam mehr können. Wir haben die Überzeugung gewonnen, dass wir durch die Kunst stärker werden. Indem wir unsere Individualität beibehalten, gießen wir sie in die Energie der Gemeinschaft ein und der Effekt aus unserer Gemeinsamkeit ist eine mächtige und einzigartige Ekstase.
Am Ende des Seminars gehen alle traurig auseinander. ”Wie werden wir uns bis Oktober vermissen!” Wir sind eine große, wahre Geistige Familie geworden. Und wie die Sterne, die sich begegnen, und nachher weiter ihren Weg allein gehen, richten wir uns nach vorne auf unsere Umlaufbahn bis zur nächsten Begegnung auf dem gemeinsamen Pfad. Wenn wir weiser, mit neuen Erlebnissen und Eindrücken, gewachsen in der geistigen Hierarchie auf dem Weg der geistigen Vervollkommnung sind……
Ich danke Euch, Freunde, dass wir den Schöpfer in uns gespürt haben!!!
Yordanka Donewa