Bericht der ersten Seminarwoche, 26.-31.Januar,Blagoevgrad / BG
Heilpädagogik und Sozialtherapie Ausbildung in Bulgarien hat begonnen
Es war nicht zu erwarten, dass das Interesse an der Ausbildung zum anthroposophischen Heilpädagogen und Sozialtherapeuten so groß sein würde: statt der erwarten 30 bis 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnte Edith Moor, die Initiatorin der heilpädagogisch-sozialtherapeutischen Initiative beim Beginn am 26. Januar 2008 fas 60 Menschen begrüßen, die sich angemeldet hatten und tatsächlich gekommen waren. Fast alle Teilnehmenden arbeiten bereits in sozialen Einrichtungen, sei es direkt mit Klienten oder administrativ. Das ist eine gute Voraussetzung für die zukünftige Verankerung des Kurses in die Landschaft der sozialen Dienste im Bulgarien. Man traf sich in einem Studentenheim der Universität Blagoevgrad im Süden von Bulgarien, um dort fast eine Woche zusammen zu arbeiten.
Am Abend zuvor hatte die Dozentin der ersten drei Tage, die anthroposophische Ärztin Dr. Franziska Keller schon einen Vortrag in Sofia für die Öffentlichkeit und die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gehalten.
Der Kurs in Blagoevgrad hatte seinen inhaltlichen Schwerpunkt bei der frühen Kindheit. In drei Vorträgen führte Dr. Franziska Keller in R. Steiners grundlegende Schrift „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft“ ein, und verband dies mit einer gründlichen Erarbeitung der Menschenkunde des ersten Jahrsiebts. Der Chirurg Dr. Traijco Frangov, Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft in Sofia gab eine grundlegende, klar strukturierten und Einführung in die Embryologie. Den dritten inhaltlichen Teil bildete die Beschäftigung mit dem Waldorflehrplan, die von Dr. Gerhard Herz, dem Ausbildungsleiter des Kurses, Dr. Stoyan Vezenkov einem Mikro-Biologen, der an der Universität von Blagoevgrad tätig ist und Galina Trifonova, Kindergärtnerin eingeführt wurde. Stoyan Vezenkov und Galina NNN sind beide Teilnehmer des ersten, Waldorfpädagogik-Kurses in Bulgarien.
Es gehört zu Konzept dieses dreijährigen Kurses, von Anfang an möglichst viele einheimische Dozenten mit einzubeziehen. Das hat nicht nur sprachliche Gründe, sondern ist für die Verankerung und die Nachhaltigkeit der Waldorfpädagogik und der anthroposophischen Heilpädagogik in Bulgarien äußerst wichtig. Begleitet und vertieft wurde die inhaltliche Arbeit durch je einen Kurs in Eurythmie durch Constantin Gruia, Eurythmist und Leiter der Corabia Schule ins Bukarest und in Malen durch Mariana Nikolova, Kunsttherapeutin aus Sofia. Hier hatte jeder Teilnehmende die Möglichkeit, sich täglich in beiden künstlerischen Ausdruckformen zu erfahren. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden im Rahmen des abschließenden Kolloquiums präsentiert und ausdrücklich gewürdigt, denn es war erstaunlich, welche Leistungen in Bewegung, Form und Farbe in so kurzer Zeit erreicht werden konnten. Jeder Kurstag wurde begonnen und beendet mit gemeinsamem Singen und Gedichten, wobei die sangesfreudigen Bulgarinnen und Bulgaren, die z.T. auch in ihrem sonstigen Lebenszusammenhang als Sänger und Musiker tätig sind, hier viel eingebracht und die Leitung teilweise selbst übernommen haben. An den Abenden wurden Ausschnitte aus der eindrucksvollen Dokumentation „Abandonned Children“ über die Situation in bulgarischen Heimen, das neue Video über den Münzinghof bei Nürnberg und Bilder des Hofes Dragodam, dem Standort der zukünftigen sozialtherapeutischen Einrichtung und des Demeter-Hofes gezeigt.
Parallel zu den Kursen begannen Edith Moor und Gerhard Herz mit den Aufnahmegesprächen mit den Teilnehmenden. Das hat den Hintergrund, dass die ersten beiden Seminarwochen auch dazu dienen, gegenseitig festzustellen, ob Voraussetzungen und Motivation ausreichen, nicht nur den dreijährigen Kurs durchzuhalten, sondern auch anschließend in diesem Sinne tätig zu werden, sei es in bereits bestehenden Einrichtungen, sei es in Neugründungen von geschützten Wohnungen oder in entstehenden anthroposophischen heilpädagogischen Einrichtungen. Weil die Umsetzung in bestehenden Einrichtungen aufgrund unterschiedlicher inhaltlicher und organisatorischer Voraussetzungen nicht so einfach sein werden, wird im Laufe des Kurses eine entsprechende Begleitung durch die Kursleitung eingerichtet werden.
Die Kursverantwortlichen haben von Anfang im Blick gehabt, diesen Kurs in das bulgarische Bildungssystem einzubinden. Um die dafür bestehenden Möglichkeiten zu erkunden haben Edith Moor, Dr. Herz und Dr. Vezenkov am letzten
Tag der Kurswoche in Sofia Gespräche im Erziehungsministerium, im Ministerium für Arbeit und Soziales und in der Nationale Agentur vor Berufsbildung geführt. Die Gesprächspartner zeigten sich interessiert und kooperationsbereit und zeigt sich ein erster Weg, diesen Kurs, des Teilnehmer durchwegs akademische Abschlüsse besitzen in Bulgarien zu verankern. Das wird eine der Aufgaben für die kommenden Monate sein. Eine laufende Herausforderung in jedem Kurs, der mit Menschen unterschiedlicher Sprachen besetzt ist, liegt in der Übersetzung, weil weder der nicht bulgarisch sprechende Dozent, noch der Teilnehmende, der die Sprache des Dozenten nicht versteht sicher sein kann, ob das, was der jeweilige Sprechende sagen will, auch so, wie es gemeint ist „rüberkommt“. So sind alle Beteiligten in diesem Kurs wirklich glücklich, in Katya Belopitova eine Übersetzerin gefunden zu haben, die nicht nur sehr zuverlässig, sondern auch immer inhaltsgetreu in der Lage ist, die Intentionen der Sprechenden miteinander zu vermitteln. Das gilt für die Arbeit im Kurs ebenso, wie für die Aufnahmegespräche und die vielen organisatorischen Übersetzungsnotwendigkeiten, die laufend und spontan auftreten. So können wir sagen, dass die aktive Lernatmosphäre, die Bereitschaft zuzuhören und das herzliche Klima unter den Beteiligten auch eine Frucht dieser hervorragenden Übersetzungsarbeit sind und selbstverständlich sind wir froh, dass genügend andere Menschen – u.a. Stoyan Vezenkov - da sind, die Katya Belopitova gelegentlich vertreten oder im Falle von Gruppenarbeiten den Übersetzerpool erweitern können. Parallel zum Kurs fand eine Generalversammlung des bulgarischen Vereins „Opora“ statt, der die Trägerorganisation der Ausbildung in Bulgarien ist. Die Vorstandschaft wurde neu gewählt und mit der jungen bulgarischen Juristin Maria Nikolova als Präsidentin und einer im bulgarischen Bildungswesen und seinen neuen europäischen Vernetzungsmöglichkeiten sehr erfahrenen Projektentwicklerin als Vorstandsmitglied, zeigt sich eine deutliche personelle und fachliche Stärkung der Initiative.
Die direkte Realisierung des Inklusionsgedankens war so nicht geplant, aber durch die Einladung Stoyan Vezenkovs war unter den Teilnehmenden auch ein Mann mit Behinderung, der die künstlerische Arbeit nicht nur genoss, sondern auch durch seine speziellen Werke bereicherte. Zweimal zum Tagesabschluss trug er eine selbst verfasste sensible Wahrnehmungsskizze vor. Dadurch wurde unmittelbar erfahrbar, welche Bereicherung die Menschen, für die das Ganze geplant ist beitragen können, wenn der Raum dafür geöffnet wird.
G. Herz