Maria Nikolova: Renan

Mein Praktikum in Sozialtherapie in der „Werksiedlung Renan / CH“
Von Maria Nikolova, Bulgarien

Praktikumsbericht

Galerie: Renan
Als Teil des dreijährigen Seminars in anthroposophischer Heilpädagogik und Sozialtherapie, habe ich mein erstes dreiwöchiges Praktikum in der soialtherapeutischen Einrichtung „Werksiedlung“ für Menschen mit Behinderungen und speziellen Bedürfnissen in Renan, in der Schweiz, durchgeführt. Dieses Praktikum war von äußerster Wichtigkeit für meine professionelle Erfahrung und praktischen Kenntnisse auf dem Gebiet der Psychologie und Sozialarbeit. In Bulgarien können wir nicht auf praktischer Ebene die anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie sehen und erleben, da es in unserem Staat keine ähnliche Institutionen gibt, so dass wir die Möglichkeit bekamen, etwas Neues für unsere und professionelle persönliche Erlebniserfahrung zu berühren, etwas, was auch in hohem Maße fremd der sozialen Kultur, Tradition und Politik in Bulgarien ist.

Vor allem hat mich die Umgebung und die Atmosphäre der Ortschaft, die Beziehungen zwischen den Menschen mit speziellen Bedürfnissen und den Menschen, die das Personal in der sozialtherapeutischen Siedlung bilden, entzückt. Jeder einzelner von diesen Menschen mit speziellen Bedürfnissen, ist äußerst individuell und aus ihm strömt hervor eine unwahrscheinliche Fülle einer spezifischen Seeligkeit, die auf eine mehr oder weniger ausgedrückte Art und Weise, geteilt werden möchte. Es ist schwierig, wenn man von der Seite beobachtet, zu sagen, wer ein Sozialarbeiter und wer ein Behinderter ist, da diese Menschen so unbefangen und nah den Menschen mit speziellen Bedürfnissen, in ihren Fürsorge für sie stehen. Während der ganzen Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich Mitglied einer langjährigen Familie bin, in der sich alle gut untereinander kennen, für einander sorgen und auf eine ganz einfache und aufrichtige Art und Weise das Leben gemeinsam teilen. Wärend du in der Werksiedlung lebst, bekommst du das Gefühl von Sicherheit und Freiheit gleichzeitig, von einer unwahrscheinlichen Toleranz in den Beziehungen untereinander, von menschlicher Wärme und Mitfühlung.

Ich war äußerst beeindrückt von der Musiktherapie, bei der wir anwesend waren. Robi, der ein Auhtist ist, spielt Leier. Er fühlt sich deshalb ganz speziell und oft spielt er für die Menschen aus dem Haus, in dem er wohnt. Robi hat keinen guten Kontakt zu seinen Gefühlen und in seiner musikalischen Darbietung äußert sich das in Mangel an musikalischer Dynamik. In seiner Arbeit mit ihm war der Musiktherapeut bestrebt, nicht die Darbietungstechnik zu bessern, sondern die Gefühle von Robi durch das Spielen, durch die Berührung der Saiten, durch den Klang als Kraft und Dynamik, in Verbindung zu bringen. Diese Erfahrung, die die Musik in seine mehr verschlossene Empfindlichkeit hereinbringt und diese Musik samt seinen Gefühlen, denen auf diese Weise der Weg zu der äußeren und innerer Welt angebahnt wird und ihm beibringt, sie zu äußern, herauszubringen, war so delikat geeignet für ihn. In einer anderen musiktherapeutischen Sitzung haben wir die Arbeit mit einem Schlaginstrument (eine riesige Trommel) mit einem Menschen beobachtet, der sich schlecht selbst organisieren und seinen Willen engagieren konnte und dem diese Fähigkeit dadurch bewusster wurde.

In der Werksiedlung gab es ziemlich viele musikalische Menschen und wir waren auch bei individuellem Unterrichten in Piano sowie bei den allgemeinen Musikbeschäftigungen anwesend.

Während es in den Werkateliers eine Atmosphäre der Herzlichkeit, Gegenseitigkeit und Freude an der Versachlichung, eine Zufriedenheit, etwas zu tun, dessen direkte Ergebnisse man sehen und berühren kann, gibt, leuchtet in den kunsttherapeutischen Beschäftigungen die geistige und schöne Individualität dieser Menschen auf, als ob die Kunst sie näher an sie selbst heranführt. Bei der Mit-Beteiligung ihrer Begeisterung ist man ganz aufrichtig in ihre Seelen eingeladen.

Wir hatten auch die Möglichkeit gehabt, die heilpädagogische Waldorfschule“Christofferusschule“ in Bern zu besuchen. Dort bekam ich eine vollkommen praktische Vorstellung über die Organisation einer Lehrstunde und eines ganzen Schultages in einer solchen Schule, aber das Wichtigste – ich war einfach dort. Ich behaupte, dass es unmöglich ist, über die Waldorfpädagogik alles auf theoretischem oder erzählendem Wege zu lernen, da es einen Prozess betrifft, der vornehmlich Veranschaulichung, Lebendig-machen, Atmosphäre, seelische Anwesenheit, und lebendiger emotionaler Kontakt ist, das im realen Erleben erreicht wird.

Mit Dankbarkeit an die Menschen, denen ich diese Erlebnisse von mir schulde
Maria Nikolova

05.09.2008 г., V. Turnovo, Bulgarien